Grüsen (Kibbuz HagShamah)

Art der Stätte
Mittleren-Hachschara (Mi-Ha), Reguläre Hachschara
Gegründet
1934
Eröffnung
09.1934
Schließung
11.1938
Betriebsfläche
4 Hektar
ca. 16 Morgen Ackerland, Wiesen und Garten
Ausbildungsfelder
Gartenbau, Landwirtschaft, Tierwirtschaft
Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Rüben); Viehzucht (4 Kühe und Kälber, dazu noch Stallbetreuung bei 3 jüdischen Bauern; 50 Hühner), Wiesen, Weiden; Hof-Gärtnerei
Beschreibung
Schon zwischen 1924 und 1927 lebten und arbeiteten nachweisbar einzelne Chaluzim des Jungjüdischen Wanderbundes und des Hechaluz in Grüsen. 1925 wurde es als „koscheres Zentrum“ bezeichnet, wobei die Chaluzim auf Bauernhöfe des Ortes verteilt waren.
Am 17. August 1934 erschien vor dem Landratsamt in Frankenberg der Fliesenleger Gerhart Boltes aus Kassel und erklärte, dass die Jugendabteilung Hechaluz der zionistischen Ortsgruppe Kassel beabsichtige, bei dem Land- und Gastwirt Jacob Marx in Grüsen vier Jungen und zwei Mädchen auf etwa sechs Monate unterzubringen. Diese sollten bei den jüdischen Landwirten in Grüsen zur Ausbildung in der Landwirtschaft als Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina untergebracht werden. Boltes bat um Bescheid, ob hiergegen Bedenken bestünden. Knapp eine Woche später, am 23. August, wiederholte er seinen Antrag. Daraufhin setzte sich der Landrat fernmündlich mit der Staatspolizeistelle in Kassel in Verbindung, von welcher er die Mitteilung erhielt, dass ihr die Angelegenheit bekannt sei und Einwendungen nicht erhoben würden. Die Lehrzeit in der Landwirtschaft sei notwendig, damit die Juden das Einreisezertifikat für Palästina bekommen könnten. Nach Rücksprache mit dem Leiter der Kreis-Gendarmerie hatte auch der Landrat keine Bedenken, wie er in einer Aktennotiz vom 28. August 1934 festhielt.

Die Gastwirtschaft Marx in Grüsen existierte von 1872 bis 1934. Sie war in dieser Zeit die einzige im Ort, der Anfang der 1930er-Jahre ca. 300 Einwohner zählte, von denen über 15 Prozent Juden waren. Die meisten von ihnen betrieben neben dem Handel auch etwas Ackerbau. Für die auswanderungswilligen jüdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in Grüsen eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren wollten, verpachtete beziehungsweise vermietete Jacob Marx (1860–1940) seine sämtlichen Äcker, Wiesen und Gärten sowie Wohnräume, Ställe und Scheune an die Reichsvertretung der Juden in Deutschland in Berlin-Charlottenburg. An der nördlichen Hoffront befand sich ein Gebäude, das mit einer langen überdachten Treppe zum Tanzsaal der Gastwirtschaft führte. Darunter waren Stallungen. Der Saal mit einer daneben befindlichen Stube wurde als Gemeinschaftsunterkunft für die Teilnehmer:innen hergerichtet.
Bis zu 40 junge Leute wohnten und arbeiteten jeweils für einige Monate im „Kibbuz Hag Shamash“ in Grüsen, manche auch länger als ein Jahr. Ab 1937 diente Grüsen auch als Stätte der „Mittleren-Hachschara“. In der Zeit seiner Existenz zwischen Sommer 1934 und Herbst 1938 durchliefen insgesamt über 140 Teilnehmer:innen, Männer und Frauen aus dem ganzen Deutschen Reich, die Ausbildung. Darunter waren auch ausländische Staatsangehörige. Alle 14 Tage musste die Leitung eine Anwesenheitsliste für das Landratsamt in Frankenberg erstellen, die sie an die Gestapo in Kassel weiterleitete.

Nach dem, was Heinz Brandt seinerzeit von älteren Einwohnern erfuhr, soll das Verhältnis der jungen Leute zu den Einheimischen gut gewesen sein. Sie hätten den Kontakt zu den Dorfbewohner:innen gesucht und den örtlichen Bauern beim Dreschen geholfen. Im Winter seien Juden und Christen gemeinsam zum Holzschlagen in den Wald gezogen, was von einem ehemaligen Teilnehmer bestätigt wird. Einer der jüdischen Kursteilnehmer soll sogar dem örtlichen Sportverein als Fußballspieler angehört haben.

Die im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung freiere Lebensweise der überwiegend aus der Stadt kommenden jüdischen Teilnehmer:innen blieb allerdings nicht ohne Folgen. Wiederholt wurden sie nur sehr spärlich oder völlig unbekleidet beim Baden in den Teichen in den Hainaer Wäldern angetroffen. Im August 1935 erstattete der Gendarmerieposten Haina beim Amtsanwalt in Marburg Anzeige gegen ein Pärchen, weil sie das „Sitten- und Schamgefühl der ländlichen Bevölkerung auf das Gröbste verletzt und durch ihre Handlung öffentlich Ärgernis erregt“ hätten. Kurz danach wurde der junge Mann in „Schutzhaft“ genommen.

Der schwerste Vorfall vor dem Novemberpogrom ereignete sich am Abend des 14. Juli 1938, als Nationalsozialisten aus Haina und Umgebung (SA- und SS-Leute und Angehörige der Hitlerjugend) in „Räuberzivil“ unter Führung des dortigen Ortsgruppenleiters im Rahmen einer „Strafexpedition“ als Vergeltung für eine angebliche Beleidigung des „Führers“ durch Insassen des Kibbuz das Lager überfielen. Unter dem Gesang von Hetzliedern und dem Ruf „Juda verrecke“ marschierten sie nach Grüsen. Dort angekommen, schwärmten sie aus und begannen nicht nur die Unterkunft der jüdischen Teilnehmer:innen, sondern auch die Häuser der jüdischen Einwohner:innen zu attackieren. In Panik sprangen die Insassen des Kibbuz aus den Fenstern ihrer Unterkunft und flohen ins freie Feld, wer es nicht schaffte zu fliehen, wurde verprügelt.

Nach dem Pogrom im November 1938 diente die Gemeinschaftsunterkunft des Kibbuz als provisorisches Gefängnis für die verhafteten Juden aus Grüsen, Gemünden und Rosenthal. Unter ihnen waren auch der Leiter des Hachschara-Lagers, Dr. Louis Koopmann und mehrere Teilnehmer:innen. Sie wurden anschließend in einen Omnibus verladen und über Kassel in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Am 22.09.1938 wies das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin die Gestapo in Kassel an, die festgenommenen Teilnehmer:innen des Umschulungslagers Grüsen und des Umschulungslagers Gehringsof (bei Fulda) umgehend freizulassen. Da nach wie vor ein großes Interesse an der jüdischen Auswanderung bestehe und die jüdischen Umschulungslager der Vorbereitung auswanderungswilliger Jüdinnen und Juden dienten, dürfe der Betrieb der Lager nicht weiter behindert werden. Nach ihrer Freilassung packten die jüdischen Teilnehmer:innen jedoch eilig ihre Sachen und verließen Grüsen, die meisten versuchten so schnell wie möglich aus Deutschland herauszukommen.

Am 11. September 1938 berichtete der Gendarmerieposten in Gemünden an das Landratsamt, dass im „Zionistenlager Grüsen“ etwa 20 bis 25 Zentner Alteisen angefallen seien. Er bat darum, das Metall so schnell wie möglich durch einen Frankenberger Altwarenhändler abholen zu lassen. Das Vieh war schon vorher veräußert worden. Das Anwesen selbst wurde nicht lange danach von Jacob Marx an einen Einwohner in Grüsen verkauft.
Erhaltungszustand
teilweise erhalten

Der Tanzsaal der ehemaligen Gastwirtschaft Marx, der als Gemeinschaftsunterkunft für die Teilnehmer an den landwirtschaftlichen Ausbildungskursen im Kibbuz Hagschamah in Grüsen diente, wurde nach dem Jahr 2002 abgerissen.

Zugehörige Organisationen
Zugehörige Personen
Dori, Trude (Teilnehmer:in)
Laske, Ernst (Leitung)
Koopmann, Louis (Leitung)
Stern, Heinz (Teilnehmer:in)
Quellen und Hinweise
Vom Kibbuz Grüsen, in: Informationsblatt des Hechaluz Nr 10. Februar 1937, S. 22–23.

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand 180 Frankenberg, Nrn. 1703, 2043, 2619, 2936.
Literatur
Heinz Brandt: Der Kibbuz Hagschamah in Grüsen 1934, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung N.F. 9 (1979). S. 70–81.

Horst Hecker: Grüsen, in: Marion Lilienthal; Karl-Heinz Stadtler; Wilhelm Völcker-Janssen  (Hrsg.), Novemberpogrome 1938. Ausschreitungen und Übergriffe in Waldeck-Frankenberg, Beiträge aus Archiv und Museum der Kreis- und Hansestadt Korbach und Archiv der Alten Landesschule. Korbach: Marion Lilienthal 2018. S. 213–227.
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
Schabbat-Feier im Gemeinschaftsraum des Kibbuz. Links auf dem Foto ist Trude Dori abgebildet (mit den Händen auf den Schultern ihres Vordermanns). (unbekannt, November 1935)
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
unbekannt, vermutlich 1935
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
Im Hintergrund ist die Kirche in Grüsen zu erkennen. U.a. ist Trude Dori auf dem Foto zu erkennen (hintere Reihe, 2. v.r.) (unbekannt, unbekannt)
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt
Trude Dori in Tel Aviv (unbekannt, Februar 1989)
© Frankenberger Geschichtsverein, Nachlass Heinz Brandt

Empfohlene Zitation

Horst Hecker, Grüsen (Kibbuz HagShamah), in: Hachschara als Erinnerungsort. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/6> [03.03.2024].

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