Kibbuz Cherut

Art der Stätte
Reguläre Hachschara
Gegründet
circa 1926
Schließung
1930
Betriebsfläche
verschiedene wechselnde Bauernstellen (kein bauliches Zentrum)
Ausbildungsfelder
Landwirtschaft, Tierwirtschaft
Viehzucht (Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen); Ackerbau (Getreide; Kartoffeln, Rüben); Schafhaltung
Beschreibung
Schon seit 1924/25 existierte ein „Bauernzentrum“ des Hechaluz in den Dörfern um Hameln mit bis zu 100 Chaluzim. Die Konzentration auf die südwestlichen Orte um Aerzen erfolgte erst, nachdem sich durch die Alija-Sperre die Anzahl der Chaluzim deutlich verringerte. Gleichzeitig begann die Konstituierung des Kibbuz Cherut als kleiner, aber aktiver Gruppe.

In den Jahren 1926 bis 1930 lebten und arbeiteten auf Einzelhöfen in Dörfern südwestlich von Hameln – in Aerzen, Lügde, Griessem, Holzhausen – Jungen und Mädchen, die aus sozialistischen jüdischen Jugendbünden kamen, darunter viele osteuropäischer Herkunft. Ihrer Gruppe hatten sie den Namen Kibbuz Cherut gegeben. Eine Zweigstelle gab es in Wolfenbüttel, wo Gärtner:innen ausgebildet wurden. Der von Mitgliedern des sozialistischen Brit Haolim und des Jung-Jüdischen Wanderbundes gegründete Kibbuz Cherut bestand insgesamt fünf Jahre. In die Zeit seiner Gründung 1926 fallen Ereignisse, die Pläne auf eine baldige Alija zunichtemachten. Ab Herbst 1925 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in Palästina erheblich. Die britische Mandatsmacht drosselte daraufhin in Verbindung mit der zionistischen Organisation die Zahl der Einwanderungszertifikate, um die Alija schließlich 1927 vollständig zu sperren. Depression machte sich in den deutschen Hachschara-Zentren breit. Gleichzeitig begannen in Deutschland nach der überstandenen Inflation Jahre wirtschaftlicher und kultureller Prosperität, die sogenannten goldenen Zwanziger Jahre, kein Grund also, Deutschland zu verlassen.
Die Krise der Alija überschattete auch die ersten Schritte des Kibbuz. Von 90 Mitgliedern im Sommer 1926 waren Anfang des Jahres 1927 nur 15 Chawerim übrig. Das brachte den Kibbuz in eine schwierige finanzielle Lage. Ab Sommer 1927 umfasste der Kibbuz dann durchschnittlich etwa 35 junge Leute, die, weil sie schon länger in Arbeit standen, von den Bauern sehr geschätzt und gut bezahlt wurden.

Gründer, Organisator und Motor des Kibbuz Cherut war Hermann Gradnauer, der in Hameln eine Zahnarztpraxis betrieb und der zuvor mit seiner Familie zwei Jahre im Kibbuz Ein Charod in Palästina verbracht hatte.
Die jungen Leute arbeiteten und wohnten zumeist einzeln, bisweilen auch in kleiner Gruppe auf teilweise weit auseinanderliegenden Höfen. Neben der harten Arbeit, die den Tag füllte, war das Gruppenleben das prägende Element. Für viele war dies der entscheidende Grund, Mitglied bei Cherut zu werden, statt einzeln auf Hachschara zu gehen. Dabei war die Zeit, die in der Gruppe verbracht werden konnte, mehr als begrenzt. Regelmäßige Treffen gab es nur an den freien Sonntagen und teilweise abends unter der Woche. Bewusst und in großem Stolz sprachen die jungen Leute von ihrer Gruppe gleichwohl als von einem Kibbuz, einer Vorwegnahme des kommunitären Lebens, das sie in Palästina führen wollten.

Weil offenkundig war, dass sie wesentliche Merkmale eines Kibbuz wie gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten nicht verwirklichen konnten, waren sie umso stolzer auf einzelne Bausteine wie die gemeinsame Kasse, das Hebräisch-Lernen, die sogenannte Kulturarbeit und die sonntägliche Pegischa (Zusammenkunft).
Ihren gesamten, in der Höhe sehr unterschiedlichen, Lohn mussten die Mitglieder abgeben. Der Besitz von privatem Geld war verboten. Das Taschengeld, das alle in gleicher Höhe bekamen, war sehr gering bemessen. Für jene, die sich davon auch Kleidung kaufen mussten, reichte es nicht aus. Der Kibbuz richtete deswegen eine Kleiderkammer ein. Aus der Kasse finanzierte die Gruppe einen Hebräischlehrer und sie unterstützte Chawerim, die während des Winters ihre Arbeitsstelle verloren. Der Rest wurde für die Auswanderung zurückgelegt. Die gemeinsame Kasse sollte die Chawerim vor allem an die sorgsame Verwaltung des gemeinschaftlichen Eigentums gewöhnen und sie disziplinieren. Nicht wenige Mitglieder empfanden die Einrichtung als eine empfindliche Einschränkung.
Hermann Gradnauer wies dem Sprachenlernen eine hohe Bedeutung zu, galt es ihm doch als wesentliche Voraussetzung, um sich in Palästina am Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft zu beteiligen. Die Lehrer kamen aus Palästina. Der erste Lehrer (Tarbutnik) des Kibbuz war Mosche Brachmann. Am Tage kümmerte er sich um die Beschaffung neuer Arbeitsstellen, abends hatte er in einem der Dörfer zu unterrichten.
Die Kulturarbeit sollte die Kenntnisse der jungen Leute vor allem über die zionistische Bewegung und das Land Palästina verbessern. Weil im Winter die Arbeit auf den Feldern weitgehend ruhte, wurde diese Jahreszeit verstärkt für die Kulturarbeit genutzt. Höhepunkte waren Erfahrungsberichte von sogenannten Schlichim (Sendboten), die vom Hechaluz, der weltweiten Dachorganisation der Palästina-Pioniere, nach Deutschland geschickt wurden. Sie informierten über das Land, die Histadrut und die Anfänge der Kibbuzbewegung in Palästina. Sie kamen aus der sozialistisch orientierten Kibbuzbewegung Hameuchad und dem Kibbuz Ein Charod. Hermann Gradnauer selbst hielt eine ganze Reihe von Vorträgen, einen unter dem bezeichnenden Titel „Egozentrische und soziale Triebe im Menschen“.

Die Mitglieder der Gruppe trafen sich wechselnd an einem Sonntag in Kleingruppen, am zweiten Sonntag zur allgemeinen, für alle verpflichtenden Pegischa. Zunächst war es schwer, einen geeigneten Ort zu finden. Mit Gaststätten gab es Probleme, da die Chawerim nichts verzehrten und keinen Alkohol tranken. Erst als die Jugendburg Oberweser oberhalb von Aerzen zur Verfügung stand, gab es einen geeigneten Platz.
Bestandteil jeder Pegischa waren gemeinsames Essen, Sport und Spiel in der Mittagspause sowie Singen und Vorlesen zum Ausklang. Für Hermann Gradnauer waren die Sichot (Diskussionen) „erzieherisch das Wichtigste“. Hier wurden vor allem aktuelle Vorfälle behandelt, Fehler, die einzelne Chawerim gegenüber der Gruppe gemacht hatten. Das sollte – so Gradnauer – nicht als Beschuldigung der Einzelnen verstanden werden, sondern lehren, was der Chewra (Gemeinschaft) schädlich ist und was ihre Entwicklung fördert. Das „Gericht der Öffentlichkeit“, vor das jedes einzelne Mitglied gestellt wurde, sollte die Chawerim gruppentauglich machen. In der Praxis liefen diese Besprechungen sehr „offen und scharf“ ab. Es verwundert nicht, dass die öffentliche und inquisitorische Befragung und Beurteilung jedes Einzelnen die Mitglieder polarisierten und bei einigen innere Kränkungen, bei einigen anderen Abwehr und Proteste provoziert haben.
Schwierige und langwierige Diskussionen gab es auch um die Frage, wer als „reif“ dafür galt, auf Alija zu gehen. Sprachkenntnisse im Hebräischen dürften das einzige einigermaßen objektivierbare Entscheidungskriterium gewesen sein. Einzelne mussten vier Jahre auf die Alija warten. Eine Zurückstellung von dieser konnte zu erheblichen psychischen Verletzungen führen.

Nachdem die britische Verwaltung Palästinas die Einwanderungssperre aufgehoben hatte und es wieder die Möglichkeit gab, mit Arbeiter-Zertifikaten einzureisen, fuhr eine erste Gruppe von 25 Chawerim im November 1928 nach Palästina. Bereits vier Monate später folgte die zweite Gruppe. Der dadurch erfolgte Verlust erfahrener Kräfte stellte die Organisatoren vor erhebliche Schwierigkeiten. Für die neuen Mitglieder mussten Arbeitsstellen gefunden werden und eine Einarbeitung stattfinden. Mit der dritten Auswanderung im Jahre 1930 war der Kibbuz Cherut erloschen.

In Palästina blieb der größte Teil von Cherut als Gruppe zusammen. Zusammen mit zwei osteuropäischen Gruppen aus Wolhynien und Litauen bauten die Neuankömmlinge in der Nähe des Städtchens Rechovot einen Kibbuz auf, dem sie zu Ehren des 1921 ermordeten Schriftstellers Josef Chaim Brenner den Namen Givat Brenner gaben. Cherut kann damit für sich in Anspruch nehmen, die erste größere Gruppe aus Deutschland zu sein, die in Palästina auf Dauer zusammenblieb. Der südlich von Tel Aviv gelegene Kibbuz ist – Stand 2018 – mit 2703 Mitgliedern zahlenmäßig der größte Kibbuz Israels.
Der Kibbuz Cherut und Freunde zumeist aus dem Brit Haolim 1927 im Buchenwald oberhalb von Aerzen, Hermann Gradnauer stehend halb links. Die abgebildete Gruppe zählt knapp 60 Personen. Frauen stellen etwa ein Drittel der Mitglieder. (unbekannt)
© Archiv Givat Brenner
Hofmeister Meier, ein Knecht und sechs Kibbuzniks, darunter Mädchen, auf Hof Knoke in Griessem. (unbekannt, 1928)
© Sammlung Gelderblom, Hameln
Moshe Shilo Brachmann (links), der erste Hebräischlehrer des Kibbuz, zusammen mit Hermann Gradnauer, dem Organisator des Kibbuz. (unbekannt, undatiert)
© Sammlung Gelderblom, Hameln
Mitglieder des Kibbuz Cherut vor der Jugendburg Oberweser. Von links stehend: unbekannt, Malvin Israel, Lippe Katz, Alisa Fass, Josef Glesel, Ila Ryndesunski, Schura Oscherowitsch, Else Herrmann, Albrecht van der Walde, Michal Hacohen, Lotte Voss, Theo Bleiweiss, rechts außen stehend unbekannt, sitzend von links: Yezreel Sack, Mosche Blaustein, dahinter Isaak Lukawschski, Nathan Rubin. (unbekannt)
© Archiv Givat Brenner
Hermann Gradnauer 1932 im Kibbuz Givat Brenner. (unbekannt, 1932)
© Sammlung Gelderblom, Hameln
Zugehörige Organisationen
Brit Haolim (Gründer:in)
Zugehörige Personen
Fass, Alice (Leitung)
Frenkel, Hans Hermann (Teilnehmer:in)
Goral-Sternheim, Walter (Teilnehmer:in)
Orbach, Wolfgang (Assoziierte)
Quellen und Hinweise
Archiv des Kibbuz Givat Brenner, Israel.
Archiv der Jüdischen Jugendbewegung, TU Braunschweig.
Sammlung Gelderblom, Hameln, Sammlung Kibbuz Cherut.
Cheruth. Sammelschrift der Jüdischen Jugendgemeinschaft Habonim Noar Chaluzi, hrsg. von der Bundesleitung, Berlin 1937.
Literatur
Werner Fölling; Wolfgang Melzer: Kibbutz Cheruth – Hameln. Biographische Interviews mit Palästina-Pionieren, Bd. 1 u. 2. Kibbutz Givat Brenner 1988.

Werner Fölling; Wolfgang Melzer: Gelebte Jugendträume. Jugendbewegung und Kibbutz. Witzenhausen [Stuttgart] 1989.

Bernhard Gelderblom: „Ich kann schon nicht mehr die Zeit der Alijah erwarten“. Der Kibbuz Cherut in den Dörfern um Hameln 1926–1930, in: Ulrike Pilarczyk; Arne Homann; Ofer Ashkenazi  (Hrsg.), Hachschara und Jugend-Alija. Wege jüdischer Jugend nach Palästina 1918-1941, Steinhorster Beiträge zur Geschichte von Schule, Kindheit und Jugend. Gifhorn 2020. S. 83–105.

Arie Goral-Sternheim: Jeckepotz. Eine deutsch-jüdische Jugend 1914–1933. Hamburg: LIT Verlag 1996.

Beate Klostermann; Ulrike Pilarczyk: Das jüdische Auswanderungsprojekt ‚Kibbuz Cherut‘ bei Hameln 1925–1930, in: Medaon 12 (22) (2018). S. 1–13. online: <https://www.medaon.de/de/artikel/das-juedische-auswanderungsprojekt-kibbuz-cherut-bei-hameln-1925-1930/>.

Ulrich Linse: Kibbuz Cheruth, in: Ulrich Linse  (Hrsg.), Zurück, o Mensch, zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890 - 1933, dtv-dokumente. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1983. S. 293–359.

Arie Goral: Martin Buber und der Kibbuz Cherut, in: Cheschbon (1980). S. 23–29.

Empfohlene Zitation

Bernhard Gelderblom, Kibbuz Cherut, in: Hachschara als Erinnerungsort, 23.06.2023. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/30> [18.07.2024].

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Adresse

Bauernstellen in mehreren Dörfern südwestlich von Hameln

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