Polenzwerder

Weitere Namen
Ziegelei Polenzwerder, Gut Polenzwerder
Art der Stätte
Reguläre Hachschara
Gegründet
1937
Eröffnung
07.1937
Schließung
30.06.1941
Betriebsfläche
16,25 Hektar
65 Morgen mit Ackerflächen, Wiesen, Weiden und Holzungen, Wasserflächen und Gebäuden
Ausbildungsfelder
Gartenbau, Landwirtschaft, Tierwirtschaft
Gärtnerei (Obst, Gemüse); Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Mohrrüben, Kohl); Viehzucht (Kühe, Pferde), Geflügelzucht (Hühner)
Beschreibung
Das Gut Polenzwerder wurde 1923 von den Gebrüdern Julius und Gustav Meyer erworben und als Ziegelei sowie landwirtschaftlicher Betrieb genutzt. Die Ziegelei war ab 1932 außer Betrieb, danach wurde in Polenzwerder nur noch Landwirtschaft betrieben. Bis 1937 war Gustav Meyers Sohn Max der Leiter des Gutes.
Am 10. Juli 1937 kam ein Pachtvertrag zwischen den Gebrüdern Meyer und der Staatszionistischen Organisation e.V. Berlin zustande. Es wurde eine Vertragsdauer von vier Jahren festgelegt. Demnach wurde Polenzwerder ab dem 01. Juli 1937 landwirtschaftliche Ausbildungsstätte jüdischer Jugendlicher. Trägerin war zunächst die Jugendorganisation Jüdisch-nationale Jugend Herzlia (Betar). Herzlia war die Jugendorganisation der zionistischen Revisionisten (Staatszionisten), die allerdings in Deutschland über keine große Mitgliedschaft verfügte und relativ isoliert war. Zu ihren Grundsätzen gehörte der Legionismus, die Eroberung Palästinas notfalls auch mit militärischer Gewalt, was sich auch in der chaluzischen Erziehung der jungen Betarim niederschlagen sollte. So gehörten militärische Disziplin, Appelle und sportliche Ertüchtigung zum Bestandteil der Hachschara von Herzlia. Erster Leiter war der aus Berlin stammende David Kirschenbaum.
Parallel dazu wurde Polenzwerder auch als Schulungsstätte für Führungspersonal genutzt. In den ersten zwei Augustwochen des Jahres 1937 fand ein sogenannter Instruktorenkurs mit ca. 35 Teilnehmer:innen, alle Betarkenanim (Betar-Ortsgruppenleiter), unter der Leitung des österreichischen Ingenieurs Simon Lustgarten statt.

Im Sommer 1938 erfolgte die Auflösung der Staatszionistischen Organisation und der Jüdisch-nationalen Jugend Herzlia. Im November 1938 kam es im Zuge der Pogromnacht zu einem Überfall durch die Gestapo. Sie zwangen alle Teilnehmer:innen sich auf den Bauch zu legen und wurden anschließend durchgezählt. Im Gegensatz zu vielen anderen Hachscharot in Deutschland, konnte der Betrieb der Hachschara in Polenzwerder nach dem Pogrom wiederaufgenommen werden. Am 22. Juli 1939 wurde Polenzwerder an Dr. Konrad Sonntag aus Berlin zwangsverkauft. Sonntag erwarb das Gelände mit allen darauf befindlichen Baulichkeiten, die ehemalige Ziegelei mit sämtlichem Zubehör, Maschinen und Material. Im Kaufvertrag ist von einem Schulungsheim in Polenzwerder die Rede.
Betty Steinbock kam im Juni 1939 nach Polenzwerder. Sie erinnerte sich an ein Haupthaus, ein oder zwei niedrige Häuser, einen Kuhstall mit mehreren Kühen, einen Pferdestall mit ein oder zwei Pferden, einen Hühnerstall, einen Komposthaufen, eine Wasserpumpe, einen Gemüsegarten und ein Kartoffelfeld. Weiterhin sollen Kohl und Möhren angebaut worden sein. Sie berichtete von einfachen Verhältnissen, die auf dem Gut Polenzwerder herrschten. Es gab kein fließendes Wasser und Latrinen außerhalb des Hofes. Im Winter sei es so kalt geworden, dass sich Eis an der Zimmerwand bildete. Hinter dem Hof gab es einen Weiher, in dem Wäsche gewaschen wurde. Zu diesem Zeitpunkt leitete das Ehepaar Anna und Kurt Holzheim den landwirtschaftlichen Betrieb.

Ab 1941 wurde Polenzwerder in ein Arbeitslager umgewandelt. Dieser Prozess begann vermutlich schon 1940, da zu diesem Zeitpunkt bereits Teilnehmer:innen der Hachschara in der Kiesgrube Polenzwerder arbeiteten. Wann genau Polenzwerder aufgelöst wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Der ehemalige Eberswalder Ortschronist Ludwig Arendt erwähnte, dass die letzten verbliebenen Eberswalder Juden von Polenzwerder aus deportiert worden seien.
In einem Schreiben vom Januar 1943 erklärt Konrad Sonntag, Besitzer des Gutes Polenzwerder, dass am 09. Dezember 1942 keine Wohnungen mehr in Polenzwerder vermietet sind. Über die Anzahl der Teilnehmer:innen der Hachschara Polenzwerder in der Zeit von 1937 bis 1942 gibt es nur Vermutungen. Von ungefähr 250 Personen ist in verschiedenen Quellen die Rede. Vielen Jugendlichen ist es geglückt, nach Palästina zu gelangen und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Dennoch wissen wir auch von Teilnehmer:innen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Ab 1942 verpachtete Konrad Sonntag das Gut an private Personen. Ab 1950 wurde die Landesanstalt, Abteilung Landwirtschaft neuer Pächter des landwirtschaftlichen Betriebes.
1953 wurde das Gut Polenzwerder enteignet und verstaatlicht. Ende der 1980er-Jahre befand sich auf dem Gelände ein Zuchtbetrieb für Champignons. 2004 wurde das Gut Polenzwerder an die jüdische Erbengemeinschaft der Gebrüder Meyer rückübertragen, die es im gleichen Jahr an einen privaten Nutzer verkaufte, in dessen Besitz sich Polenzwerder nun befindet.
Erhaltungszustand
nicht erhalten
Zugehörige Organisationen
Zugehörige Personen
Holzheim, Anna (Leitung)
Meyer, Gustav (Eigentümer:in)
Meyer, Julius (Eigentümer:in)
Meyer, Max (Leitung)
Sonntag, Konrad (Eigentümer:in)
Steinbock, Betty (Teilnehmer:in)
Quellen und Hinweise
Auskunft Udo Roeschert, Mail an Ellen Grünwald vom 21.03.2022
Briefwechsel Betty Steinbock und Ellen Grünwald. Mai 2005 bis Dezember 2008; Privatarchiv Ellen Grünwald
Interview von Ellen Grünwald mit Betty Steinbock. Tel Aviv., Mai 2006; Privatarchiv Ellen Grünwald
Kreisarchiv Barnim. Hist. AE Nr. 5138
Kreisarchiv Barnim. Eberswalder Adressbuch 1926, 1929/30 und 1936
Literatur
Ludwig Arendt: Zur Geschichte der Eberswalder Synagogengemeinde. Eberswalde 1993.

Ellen Behring: Eberswalder Gedenkbuch für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Eberswalde: Verein für Heimatkunde Eberswalde 2008.

Herbert Fiedler; Ruth Fiedler: Hachschara. Vorbereitung auf Palästina. Schicksalswege, Schriftenreihe des Centrum Judaicum. Teetz: Hentrich & Hentrich 2004.

Hubertus Fischer: Polenzwerder – Wohnplatz mit ungewöhnlicher Geschichte. Ein jüdisches Lehrgut in Brandenburg, seine Wandlungen und Praktikanten 1937 bis 1941/42, in: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte 71 (2020). S. 181–231.

Ingrid Fischer: Eberswalde, in: Irene Annemarie Diekmann  (Hrsg.), Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thuringen. Berlin: VBB, Verlag für Berlin-Brandenburg 2008. S. 52–84.

Freie Universität Berlin - Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung  (Hrsg.): Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. "Ihre Namen mögen nie vergessen werden!". Berlin: Edition Hentrich 1995.

Udo Roeschert: Sandkrug mit Ragöser Mühle und Polenzwerder. Eine Chronik mit Geschichten. Sandkrug 2008.

Eliyahu Kutti Salinger: "Nächstes Jahr im Kibbuz". Die chaluzische Jugendbewegung in Deutschland zwischen 1933 und 1943, Paderborner Beiträge zur politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Weiterbildung : Neue Reihe. Paderborn: KoWAG Universität Paderborn 1998.
Nebengebäude (Ellen Grünwald, 2006)
© Privatsammlung Ellen Grünwald
Betty Steinbock (Ellen Grünwald, 2006)
© Privatsammlung Ellen Grünwald
Marianne Bach, vermutl. Ursel Wolff und Esther Erna Neumann (v.l.n.r.)
© Privatsammlung Ellen Grünwald
Haupthaus (Ellen Grünwald, 2006)
© Privatsammlung Ellen Grünwald

Empfohlene Zitation

Ellen Grünwald, Polenzwerder, in: Hachschara als Erinnerungsort, 12.12.2022. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/5> [03.03.2024].

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Adresse

Polenzwerder
16225 Eberswalde

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Provinz Brandenburg

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