Gut Jägerslust

Weitere Namen
Kibbuz Jägerslust
Art der Stätte
Reguläre Hachschara
Eröffnung
1934
Schließung
10.11.1938
Betriebsfläche
77 Hektar
Ausbildungsfelder
Hauswirtschaft, Landwirtschaft, Tierwirtschaft
Viehzucht, Ackerbau, Milchverarbeitung, Gärtnerei
Beschreibung
1906 erwarb die Berliner Fabrikantenfamilie Wolff das am westlichen Stadtrand von Flensburg gelegene Gut Jägerslust, modernisierte das Herrenhaus, vergrößerte die Stallungen und siedelte nach Flensburg über. Mit Hilfe von Landarbeitern wurde das Anwesen bewirtschaftet, während der Familienvater Georg Wolff vor allem seiner Leidenschaft nachging – der Jagd. Nach seinem Tod 1917 führten seine Witwe Katharina und sein Sohn Alexander Wolff den landwirtschaftlichen Betrieb fort, während sich die Töchter Susanne und Lilly zu Lehrerinnen ausbilden ließen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 musste die Familie erleben, wie sie als Jüdinnen und Juden aus der Stadtgesellschaft ausgeschlossen und stigmatisiert wurden. Diese Entwicklung führte zu einer Rückbesinnung auf ihr Judentum und der Entscheidung, ihr Anwesen dem Hechaluz als Auswandererlehrgut zur Verfügung zu stellen. Für die unmittelbare Betreuung war in diesem Falle das Hamburger Hechaluz-Büro in der Beneckestraße zuständig. Dessen Leiter Schimon Reich zog 1936 im Hamburger Gemeindeblatt eine Zwischenbilanz der erfolgten Aktivitäten und erwähnte dabei Jägerslust, wo 1934 nach seinen Angaben mit zwölf Praktikumsplätzen begonnen worden war. Angesichts der weiter wachsenden Nachfrage kündigte er eine Verdoppelung der Kapazität an: „Im Augenblick steht der Kibbuz Flensburg vor der Erweiterung. Mit Hilfe der Zentralstelle Berlin gelang es uns, die Mittel für den Umbau und die Erweiterung der Räumlichkeiten zu erlangen, wir haben so die Möglichkeit, die Zahl der Chawerim in nächster Zeit auf 25 zu erhöhen.“

Die Männer und Frauen, die auf dem Gut Jägerslust ihre Hachschara absolvierten, stammten namentlich aus Großstädten und waren damit eher urbanes Leben gewohnt als ein landwirtschaftlich geprägtes Milieu in der schleswig-holsteinischen Provinz. Die Spanne ihres Alters reichte von 18 bis 35 Jahre.

Als die ersten zwölf Chaluzim und Chaluzot im Herbst 1934 auf das Gut kamen, wurden sie im Obergeschoss des Herrenhauses untergebracht. Zur Erweiterung wurde 1936 etwa 200 Meter entfernt ein sogenanntes Arbeiterhaus errichtet. Von nun waren die Palästina-Pioniere, wie die Teilnehmer:innen auch genannt wurden, getrennt nach dem Geschlecht untergebracht: die Frauen im Herrenhaus und die Männer im schlicht gehaltenen Neubau, in dem sich dann auch das kibbuzähnliche Gemeinschaftsleben abspielte.

Die jungen Leute, die auf dem Gut lebten und arbeiteten, bildeten keine homogene Gruppe. Viele von ihnen wechselten nach einigen Monaten ihre Hachschara-Stätte, um ihre insgesamt etwa anderthalb- bis zweijährige Umschulungs- oder Praktikumszeit an anderem Platze fortzusetzen. „Es war ein ständiges Kommen und Gehen“, erinnerte sich Alexander Muschinsky.

Für Jägerslust sprach auch die Nähe zur dänischen Grenze, die in den ersten Jahren nach 1933 noch relativ einfach überschritten werden konnte. Die sogenannten Groschenpässe eröffneten gute Gelegenheiten für Flucht und Kontakte nach Dänemark. Für ein solches Ausweispapier, eigentlich gedacht für den deutsch-dänischen Ausflugsverkehr, wurde kein Passbild verlangt. Die Gebühr betrug einen Groschen, also zehn Pfennig. Der Schein wurde wiederholt für Fluchtunternehmen eingesetzt. Mit der Einführung der Kennkarte am 1. Oktober 1938 wurde die Ausgabe von Groschenpässen eingestellt.

Wege in ein neues Leben zu finden, erleichterte zudem ein Austauschprogramm, das zwischen dem Landøkonomisk Rejsebureau der königlich-dänischen Landwirtschaftsgesellschaft in Kopenhagen und der Hechaluz-Zentrale in Berlin vereinbart worden war und auch nach der NS-Machtübernahme zunächst fortgesetzt wurde. Treibende Kraft und Schlüsselperson in Dänemark war der Zionist Binjamin Slor. Dieses bereits bewährte und weiter gültige deutsch-dänischen Austauschprogramm für Landwirtschaftseleven gewann angesichts des sich weiter verstärkenden Drucks auf die jüdische Bevölkerung an Bedeutung und wurde sowohl vom deutschen wie vom dänischen Hechaluz gefördert. Auch das Lehrgut Jägerslust beteiligte sich an diesem Programm, indem von Flensburg Landwirtschaftspraktikant:innen relativ unkompliziert auf dänische Höfe wechseln konnten, um dort ihre Hachschara fortzusetzten.

Das Gut Jägerslust war seinerzeit mit insgesamt 77 Hektar der zweitgrößte landwirtschaftliche Betrieb in Flensburg. Es war aufwendig, dem kargen, sandigen Geest-Boden Ernte abzuringen. Diese Erfahrung mussten auch die Männer machen, die vom Gutsherrn Alexander Wolff in Theorie und – vor allem – in Praxis mit Methoden der Bodenverbesserung unter anderem durch den Einsatz von Düngern und Mergel vertraut gemacht wurden. Maschinen kamen dabei nicht zum Einsatz. Die körperlich schwere Arbeit war für die Teilnehmer:innen ungewohnt und eine neue Herausforderung. Käte Wolff kümmerte sich um die Frauen und führte sie in die Hauswirtschaft ein. Hinzu kamen praktische Aufgaben im Gutsgarten, der sich dem Herrenhaus anschloss. Natürlich hatte die Gestapo stets im Blick, was auf den Hachschara-Betrieben passierte, auch in Flensburg, wo der örtliche Gestapochef Hans Hermannsen die Jägerslust-Gutsleute und die Teilnehmer:innen zunächst gewähren ließ.

Die Zeit des Tolerierens endete in Flensburg mit dem Novemberpogrom 1938, als in der Nacht zum 10. November der Hof und der Kibbuz überfallen wurden. Das Kommando stand unter der Leitung des Flensburger Polizeipräsidenten und SS-Standartenführers Hinrich Möller.
Dieser Überfall, an der sich neben der Schutzpolizei auch Kräfte der Gestapo, der SS und der SA beteiligten, bedeutete das jähe Ende der Schonfrist gegenüber der Familie Wolff und ihrem Hachschara-Engagement. „Im Herbst wurde das zionistische Umschulungslager Jägerslust bei Flensburg auf Grund skandalöser Zustände aufgelöst“, notierte auch der Sicherheitsdienst des Oberabschnittes Nord-West in seinem Jahresbericht für 1938.

Was der SD-Bericht als „skandalöse Zustände“ bezeichnete, war in Wirklichkeit das Ergebnis des von Möller angezettelten Anschlages: Bei dem nächtlichen Überfall wurden sämtliche Jägerslust-Bewohner:innen – die Mitglieder der Gutsfamilie Wolff sowie die Landwirtschafts- und Hauswirtschaftsumschüler:innen – verhaftet, einige von ihnen misshandelt und die Gebäude völlig verwüstet. Der Versuch, das Herrenhaus und die Stallungen anzuzünden und niederzubrennen, misslang den Tätern. Sie zogen plündernd durch die Räume des Haupthauses. Besonderes Interesse zeigten sie dabei an dem Tafelsilber der Familie und an dem Jagdgewehr von Alexander Wolff. Ihm selbst gelang es in der Pogromnacht, sich durch Flucht ins Nachbarland Dänemark zu retten.

In der Zeit vom Herbst 1934 bis zum gewaltsamen Ende des Auswandererlehrguts Jägerslust wurden etwa 100 Männer und Frauen gezählt, die sich in Flensburg an der Hachschara beteiligten. Von ihnen sind bisher 73 namentlich bekannt, 46 Männer und 27 Frauen. In 21 Fällen ist das Schicksal bislang ungeklärt. Überliefert ist, dass mindestens 47 Personen die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung überlebt haben. Die meisten von ihnen – nämlich 33 – machten Alija; fünf fanden Zuflucht in den USA.

Das nach dem Überfall während der Pogromnacht 1938 verwaiste Anwesen Jägerslust wurde „arisiert“. Gebäude und Ländereien gingen in den Besitz des Staatsfiskus‘ über, der es mit Blick auf den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg zur Vergrößerung des benachbarten Flugplatzes Flensburg-Schäferhaus nutzte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des NS-Regimes fungierten die Gutsgebäude, ergänzt um mehrere schlichte Baracken, vorübergehend als Notunterkunft für Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Mehrere Jahre musste Alexander Wolff von den USA aus mit Hilfe deutscher Anwälte um eine Entschädigung für den einstigen Familienbesitz in Flensburg kämpfen. Das Verfahren endete 1952 mit einem Vergleich: einer finanziellen Entschädigung in Höhe von insgesamt 75.000 Mark für Gebäude, Ländereien und verloren gegangenes Inventar.

Das einstige Guts-Areal blieb in öffentlicher Hand – bis heute. Die Bundeswehr nutzte es als Truppenübungsplatz. Das einst so stattliche Herrenhaus wurde 1967 in Form einer Übung gesprengt. Endgültig ging die Jägerslust-Geschichte zu Ende, als die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, die 1998 das Gelände von der Bundeswehr übernommen hatte, im Jahre 2004 auch das letzte Stallgebäude niederreißen ließ. Einer Anregung aus der Kommunalpolitik folgend, ließ die Stadt Flensburg am Rande der einstigen Gutsanlage einen Info-Stand errichten. Er gibt in Text und Bild einen Überblick über die wechselvolle, tragisch endende Gutshistorie.
Zugehörige Organisationen
Zugehörige Personen
Muschinsky, Alexander (Teilnehmer:in)
Wolff, Alexander (Ausbilder:in)
Wolff, Katharina (Ausbilder:in)
Wolff, Georg (Teilnehmer:in)
Literatur
Bernd Philipsen: Brücke nach Palästina. Die Familie Wolff und das Gut Jägerslust, in: Flensburger Beiträge zur Zeitgeschichte (1) (1996). S. 183–228.

Bernd Philipsen: „Atempause auf der Flucht in ein Leben mit Zukunft“, in: Gerhard Paul; Miriam Gillis-Carlebach  (Hrsg.), Menora und Hakenkreuz – Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona. Neumünster: Wachholtz 1998. S. 411–424.

Bernd Philipsen: „Jägerslust“. Gutshof, Kibbuz, Flüchtlingslager, Militär-Areal, Schriftenreihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte. Flensburg: Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte 2008.

Bernd Philipsen: „Dat Judennest hebbt wi utrökert“. Vom gewaltsamen Ende des Auswanderer-Lehrguts Jägerslust bei Flensburg, in: Rainer Hering  (Hrsg.), Die „Reichskristallnacht“ in Schleswig-Holstein. Der Novemberpogrom im historischen Kontext, Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg: Hamburg University Press 2016. S. 231–253. online: <http://hup.sub.uni-hamburg.de/purl/HamburgUP_LASH109_Pogromnacht_Philipsen-162-13>.

Empfohlene Zitation

Bernd Philipsen, Gut Jägerslust, in: Hachschara als Erinnerungsort, 12.12.2022. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/11> [03.03.2024].

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