Hachschara Kibbuz Löhnberghütte

Weitere Namen
Hachschara-Lager in Löhnberg, Hachscharah-Kibbuz Löhnberg, Hachscharah-Kibbuz Löhnberg-Hütte, Kibbuz Löhnbergerhütte
Art der Stätte
Reguläre Hachschara
Gegründet
circa 1935
Eröffnung
04.1936
Schließung
1938
Betriebsfläche
Haupthaus mit Unterkunft, Küche und Werkstatt, Garten, Stallungen
Ausbildungsfelder
Gartenbau, Hauswirtschaft, Holzbearbeitung, Landwirtschaft, Metallbearbeitung, Tierwirtschaft
Gärtnerei (Obst, Gemüse), Viehzucht (Kühe), Milchverarbeitung, Ackerbau, Werkstatt (Herstellung von Einrichtungsgegenständen), Kanalarbeiten
Beschreibung
Siegfried Hony, ein jüdischer Industrieller aus Wissen/Sieg, hatte im Jahr 1935 Gebäude und Grundstücke der ehemaligen Eisenerzhütte „Löhnberger Hütte“ in Löhnberg an der Lahn gekauft. Im April 1936 gründete der Pfadfinderbund Makkabi Hazair auf Initiative von Mitgliedern des jüdischen Ruderklubs Ivria aus Berlin dort eine Hachscharastätte.
In einem der von Hony erworbenen Häuser wurden Unterkünfte und Arbeitsräume eingerichtet. Die Teilnehmer:innen unterhielten außerdem eine eigene Werkstatt, einen großen Garten sowie Stallungen. Erster Leiter der Einrichtung war Martin Neter. Er blieb länger als ein Jahr in Löhnberg. Es ist unklar, wer nach ihm die Leitung übernahm.

Bisher sind die Namen von 28 Mitgliedern der Hachschara auf der Löhnberger Hütte bekannt. Einige von ihnen blieben nur wenige Monate, bevor sie ihre Ausbildung im In- oder Ausland fortsetzten, nach Palästina auswanderten oder zurück in Städte im Reichsgebiet zogen. Mindestens acht Teilnehmer:innen aus Löhnberg waren im Sommer 1937 in Schweden um dort ihre Ausbildung fortzusetzen.

Ausgebildet wurden die Teilnehmer:innen auf der Löhnberger Hütte vor allem in Gartenbau, Haus-, Land- und Tierwirtschaft. Konkret belegt ist die Haltung von Kühen. Einige von ihnen wurden von Hermann Seligmann, einem Viehhändler aus Löhnberg, gekauft. Im Sommer 1936 wurde ein Ochsengespann angeschafft, um landwirtschaftliche Arbeiten unabhängig ausführen zu können. Außerdem legte man eine Kanalisation an und stellte in der Werkstatt eigene Einrichtungsgegenstände her. Es existieren Fotos, die weibliche Mitglieder der Hachschara bei Wäschearbeiten am nahegelegenen Kallenbach zeigen.
Der Kibbuz führte auch Bildungsveranstaltungen wie Wochenendseminare durch, die auch Nichtmitgliedern offenstanden. Zum kulturellen Programm gehörten auch Hochzeiten und Verlobungen.
Eine Besonderheit der Hachscharastätte in Löhnberg waren zudem die sportlichen Leistungen ihrer Mitglieder, allen voran die des Leichtathleten Franz Orgler, die auch von der zeitgenössischen jüdischen Presse aufgegriffen wurden.

Vereinzelt bestanden Kontakte zu den wenigen in Löhnberg lebenden jüdischen Einwohner:innen, wie der Familie von Hermann und Toni Seligmann. Sie feierten beispielsweise immer wieder gemeinsam Shabbat. Im Dezember 1936 wurde die Synagoge im benachbarten Weilburg für eine öffentliche Channukafeier genutzt, zu der ca. 50 Jüdinnen und Juden aus der ganzen Umgebung kamen. Auch bestanden einige Kontakte mit den nichtjüdischen Einwohner:innen Löhnbergs.
Spätestens ab Sommer 1937 wurde von behördlicher Seite jedoch ein entschiedener Druck gegen die jüdischen Teilnehmer:innen ausgeübt. Der Bürgermeister von Löhnberg und der Landrat in Weilburg unterstellten, dass der eigentliche Zweck, nämlich die Vorbereitung auf die Auswanderung und deren Durchführung, nicht erfüllt wurde. Die Hachschara in Löhnberg wurde schließlich Anfang 1938 unter nicht genau zu klärenden Umständen aufgelöst. Aus Zeitzeug:innenberichten nichtjüdischer Einwohner:innen Löhnbergs geht hervor, dass die Auflösung in Eile und ängstlich erfolgte. Die Teilnehmer:innen sollen nachts aufgebrochen sein. Einzelheiten zum Verkauf oder einer möglichen Beschlagnahmung lassen sich nicht rekonstruieren.

Heute ist das Haus, in dem die Teilnehmer:innen der Hachschara lebten, in gutem Zustand. Es befindet sich in Privatbesitz und wird als Wohnhaus genutzt. Es lässt sich nicht mehr bestimmen, welche der abgerissenen oder noch erhaltenen Stallungen beziehungsweise welche landwirtschaftlich genutzten Flächen zur Hachschara gehörten. Es gibt keine Erinnerungszeichen, die auf die ehemalige Nutzung als Hachscharastätte hinweisen.
© Privatarchiv/Archiv der jüdischen Jugendbewegung - TU Braunschweig
© Privatarchiv/Archiv der jüdischen Jugendbewegung - TU Braunschweig
© Privatarchiv/Archiv der jüdischen Jugendbewegung - TU Braunschweig
© Privatarchiv/Archiv der jüdischen Jugendbewegung - TU Braunschweig
© Privatarchiv/Archiv der jüdischen Jugendbewegung - TU Braunschweig
Erhaltungszustand
teilweise erhalten

nicht nachvollziehbar

Zugehörige Organisationen
Zugehörige Personen
Hony, Siegfried (Eigentümer:in)
Finkelgrün, Dora Fanny (Teilnehmer:in)
Lubelski, Rosa (Teilnehmer:in)
Neter, Martin (Leitung)
Orgler, Franz (Teilnehmer:in)
Pinthus, Peter (Teilnehmer:in)
Wertheim, Heinz Jacob (Teilnehmer:in)
Literatur
Markus Streb: Ein Kibbuz im Lahntal – Die Hachschara-Stätte „Löhnberger Hütte“ von 1936-1938, in: Rundbrief der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Limbug e.V. (2) (2020). S. 25–30. online: <http://cjz-limburg.de/PDF/Rundbrief_2_2020.pdf>.

Empfohlene Zitation

Markus Streb, Hachschara Kibbuz Löhnberghütte, in: Hachschara als Erinnerungsort. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/9> [12.06.2024].

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Adresse

Löhnberger Hütte 2
35792 Löhnberg

Historische Verwaltungseinheit

Provinz Hessen-Nassau

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