Kibbuz Zerubavel – Hamburg/Blankenese (Seefahrts-Hachschara)

Alternativ-Bezeichnung
Kibbuz Serubabel
Art der Stätte
Reguläre Hachschara, Seefahrts-Hachschara
Gegründet
1945
Eröffnung
circa 03.1946
Schließung
11.1946
Betriebsfläche
Der Kibbuz befand sich im Elbkurhaus. Die Elbe und Elbmündung gehörten zu den Bereichen, die für die praktischen Übungen genutzt wurden.
Ausbildungsfelder
Fischerei, Seefahrt, Sport
Seefahrts- und Matrosenausbildung, Fischerei, Nautik, Fischverarbeitung, Schiffsbau und Navigation, Rudern und Schwimmen
Beschreibung
Die Fischerei-Hachschara Ausbildungsstätte „Kibbuz Zerubavel“ bestand 1946 in Blankenese, in der Nähe von Hamburg. Die Jewish Agency und die linksgerichtete Poale Zion Bewegung unterhielten den Fischerei-Kibbuz Zerubavel und boten an diesem Ort den vornehmlich jungen, osteuropäisch-jüdischen Displaced Persons (DPs) eine Ausbildung an, die ihnen die Einwanderung ins britische Mandatsgebiet Palästina ermöglichen sollte. Neben der Förderung des jüdischen Seefahrts- und Fischereiwesens setzte die linksgerichtete Poale Zion Deutschland ebenso darauf, einen engen Bezug zum Land und Meer von Erez Israel (wieder) herzustellen und damit einen Beitrag zur „Gesundung der jüdischen Nation“ sowie zur sozialistischen Prägung des anvisierten, neuen jüdischen Staates zu leisten.

Der Name „Zerubavel“
Wie eng der Fischerei-Kibbuz in Blankenese mit dem Gedankengut der Poale Zion Bewegung verbunden war, verdeutlicht der Name „Zerubavel“ [Serubbabel]. Denn diese Benennung des Kibbuz verwies nicht nur auf den Enkel des im babylonischen Exil lebenden Königs Jojachin, der die jüdischen Stämme laut biblischer Überlieferung nach Juda zurückführte und dort den Wiederaufbau des Zweiten Tempels begann, sondern auch auf Yakov Vitkin (Zerubavel, 1866–1967), einem führenden Vertreter der Poale Zion Bewegung. Er wanderte 1910 nach Palästina ein und gehörte dort neben David Ben-Gurion und Yitzhak Ben-Zvi zu den führenden Zionisten des Landes. Insbesondere in den Pionieren sah Zerubavel die „Erben einer antiken heroischen Tradition“, die gleich den Makkabäern aktive Verteidigungs- und Aufbauarbeit leisten sollten – Ideen, die auch bei der Gründung der Hachschara-Stätte post-1945 bedeutend wurden.

Der Fischerei-Kibbuz in Blankenese
Die ca. 70 bis 80 Teilnehmer:innen des Fischerei-Kibbuz Zerubavel hatten überwiegend den Zweiten Weltkrieg und die Shoah in Osteuropa überlebt. Über die verschiedensten Wege erreichten die jüdischen Überlebenden, Erwachsene wie auch Jugendliche und Kinder die britische Besatzungszone, wie z.B. das DP-Lager Belsen(-Hohne) oder auch das neu eingerichtete American Joint Distribution Committee (AJDC) Warburg Children’s Health Home in Blankenese/Hamburg. Neben anderen zionistischen Organisationen sah es auch die Poale Zion Bewegung als ihre Pflicht an, den Überlebenden der Shoah, insbesondere den Kindern und Jugendlichen, ein familiäres Umfeld, eine soziale Betreuung und Erziehung, aber auch eine berufliche Perspektive und nationale Zugehörigkeit zu geben.
Im Elbkurhaus am Mühlenberg in Blankenese eröffnete daher die Poale Zion Bewegung den Fischerei-Kibbuz, der im März 1946 70, im Juli 1946 81 und im November 1946 50 Teilnehmer:innen aufweisen konnte. Ein Artikel der jiddisch-sprachigen Zeitung Unzer Sztyme (Nr. 8, 17.3.1946, S. 25.) berichtete über das Kinderheim mit koscherer Küche und die weiteren Aktivitäten und Angebote vor Ort. Ein anderer Artikel der Zeitung Unzer Sztyme (Nr. 13, 15.9.1946, S. 3–4) umriss zudem den Kibbuz selbst:
„Die Fischereischule, die schon 5 Monate existiert, hat in dieser Zeit bewiesen, dass sie qualifizierte Fischer ausbilden kann. Die Kameraden von der Schule bereiten sich auf diese Weise auf die Emigration vor. […] Zur Zeit nehmen 80 Kameraden an einem theoretischen Kurs der Schule teil. Das wichtigste ist aber die praktische Arbeit.“
Unter der Leitung von Abraham Schweike nutzte die Poale Zion Bewegung die lokale Infrastruktur und setzte auf die sozialistisch-zionistischen Idealen sowie die Idee der „Regeneration“ der jüdischen Nation durch die Hinwendung zum Land wie auch zur See – Ideen, die schon vor 1945 eine Rolle gespielt hatten.

Die Traditionen der Seefahrts-Hachschara vor 1945
Während der Zeit des NS-Regimes hatte die Seefahrts-Hachschara an Bedeutung gewonnen, da zum einen die rigide geführte Einwanderungspolitik der britischen Mandatsbehörden in Palästina eine berufliche Ausdifferenzierung der jüdischen Einwander:innen verlangte und zum anderen verschiedene zionistische Organisationen damit begonnen hatten, eine „zionistische Eroberung der Meere“ zu propagieren. Diesen Ideen folgend entstanden auf der dänischen Insel Bornholm und im italienischen Livorno wie auch in Hamburg eigenständige Seefahrts-Hachschara-Stätten. Außerdem entwickelte sich in Kooperation mit Kapitän Pietsch in der freien Stadt Gdynia (Danzig) eine weitere Ausbildungsstätte für die jüdische Seefahrt (1935–1938). Besonders Hamburg erhielt aber in den Überlegungen eine größere Rolle zugesprochen, da hier bereits ein Beth Chaluz (Beneckestr. 6) existierte. Verschiedene deutsch-jüdische Reedereien wie zum Beispiel die Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt und die Arnold Bernstein Schifffahrtsgesellschaft m.b.H. bildeten zudem bereits in einzelnen Seefahrtsberufen aus. Daher träumten einige der frühen Hamburger Hachschara-Teilnehmer:innen auch von einem „Hachschara-Kibbuz auf dem Wasser“; ein Traum, der erst nach 1945 in Blankenese zur Realität werden sollte.

Unterricht und lokale Verortung des Kibbuz
Während die Seefahrts-Hachschara mit der Zwangsenteignung der deutsch-jüdischen Reedereien in Hamburg und der Vertreibung von Lucy Borchardt (Flucht nach Großbritannien) und Arnold Bernstein (Flucht in die USA) 1938/39 ein Ende fand, hielt die Poale Zion Deutschland nach 1945 am Standort Hamburg fest. Unter dem Leiter Abraham Schweike gewann die Idee der Seefahrts-Hachschara wieder an Bedeutung. Gleich den Initiativen vor 1945 sollten die Teilnehmer:innen theoretischen und praktischen Unterricht in den verschiedenen Fangtechniken, der Netzkunde oder Fischereiverarbeitung, aber auch in Navigation und Schiffskonstruktion erhalten. Ein erster Bericht über die Fischerei-Schule 1946 beschreibt die Übernahme des Elbkurhauses und die ersten Renovierungsarbeiten des bombengeschädigten Hauses. Dank der Genehmigung der britischen und deutschen Behörden sowie der Unterstützung der neu eingerichteten United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) konnte nicht nur die Genehmigung der Schule erreicht, sondern auch die Lebensmittelversorgung durch Rationen (für DPs) sichergestellt werden. Auf insgesamt vier angemieteten Fischerei-Booten sollten die Teinehmer:innen, zum Teil unterstützt durch nicht-jüdische, deutsche Seefahrts- und Fischereiexperten, praktische Erfahrungen sammeln. Die dabei gefangenen ca. 900–1.000 kg Fisch pro Monat sollten an die jüdischen Einrichtungen der Stadt weitergegeben oder im Kibbuz selbst verarbeitet werden. Mit insgesamt drei Brigaden (à 30 Personen) sollte der Fischfang bei Ausfahrten von bis zu zwei Wochen auf dem Meer oder sechs Tagen auf dem Fluss erlernt werden.
Am 18. September 1945 besuchte Harry Goldstein, Vorstandsmitglied der neugegründeten Jüdischen Gemeinde in Hamburg, den Fischerei-Kibbuz. Zwar war es vereinzelt zu Spannungen zwischen den zumeist osteuropäisch-jüdischen DPs aus Bergen-Belsen und der sich neu etablierenden vorwiegend deutsch-jüdisch geprägten Gemeinde in Hamburg gekommen, die sich aus den unterschiedlichen Antworten auf die Fragen nach der Anerkennung und Aufnahme als Jüdin oder Jude, des Wiedersaufbaus jüdischen Lebens in Deutschland und der Zuwendung von internationalen Hilfsleistungen und -lieferungen ergeben hatten, aber sowohl Josef Rosensaft (Belsen) als auch Harry Goldstein (Hamburg) sahen im Fischerei-Kibbuz eine Institution, die es zu unterstützen galt. Gleichwohl sah Harry Goldstein im Fischereikibbuz, den er im Juni 1946 besuchte, eine „Filiale der ‚Belsner‘“, die u.a. als Lager für Schwarzmarktaktivitäten genutzt würde, was auch die Hamburger Behörden und die britische Militäradministration vermuteten und Folgen für die Entwicklung des Kibbuz haben sollte.

Die Schließung des Fischerei-Kibbuz
Am 17. Oktober 1946 stellte der britische Labour Abgeordnete Richard B. Stokes im britischen Unterhaus eine Anfrage an den Minister for the Affairs for the Control of Germany and Austria John Hynd, die die Zurverfügungstellung von Fischereibooten für jüdische DPs im Kibbuz in Blankenese kritisch hinterfragte. Helmut Schwalbach zeigte in seinen Forschungen auf, wie Stokes Anfrage die Aktivitäten der Seefahrts-Hachschara-Stätte in Blankenese in die Nähe illegaler Einwanderungstätigkeiten ins Mandatsgebiet Palästina rückte, obwohl dies John Hynd verneinte. Dennoch tauchte eine ähnliche Verbindung auch in einem Artikel des Daily Telegraph (18.11.1946) auf, der den Fischerei-Kibbuz als „Deckmantel jüdischer Propagandisten“ bezeichnete und in ihm einen Ort illegaler Migrationsarbeit vermutete. Bereits am 6.11.1946 war es laut des Berichts von Norbert Wollheim über den Fischerei Kibbuz zur Ankündigung der britischen Militärverwaltung gekommen, die Schule zu schließen und die ca. 70 DPs nach Neustadt/Holstein zu bringen, was als „Kampfmassnahme“ von Vertretern des Kibbuz wahrgenommen wurde. „Der Kibbutz ist entschlossen, die Schule nicht wi/ederstandslos [sic!] zu räumen und hat daher das Central Committee um sofortige Demarche gebeten, bevor es zu unangenehmen Konsequenzen kommt“, gab Wollheim die Stimmung im Kibbuz wieder. Am 21. November 1946 kam es zur Auflösung des Fischerei-Kibbuz Zerubavel durch die britischen Militärbehörden. Die britische Militär-Polizei besetzte nicht nur den Kibbuz, sondern stellte auch einen Transport zusammen, der die Teilnehmer:innen nach Belsen bringen sollte. Von den ehemals siebzig bis achtzig Teilnehmer:innen waren noch 26 vor Ort – andere Berichte sprachen von einem bereits verlassenen Kibbuz. Wollheim und Rosensaft protestierten zwar gegen die Vorgehensweise und den Umgang mit der Fischereischule, konnten die Schließung aber nicht verhindern. Lennart Onken stellte in seinen Forschungen heraus, wie sehr sich die Schließung des Kibbuz in Blankenese auf einzelne Mitglieder auswirkte und wie sich manche an der Gründung der Maritime Training School in Neustadt beteiligten. Andere wiederum wanderten ins britische Mandatsgebiet Palästina aus und fanden in verschiedenen Kibbuzim, wie z.B. in Kiryat Anavim oder En Gev am See Genezareth, eine neue Heimat. Andere immigrierten in die USA.

Damit endete die Geschichte des Fischerei-Kibbuz Zerubavel. Nach der Schließung des Warburg Children’s Health Home und dem Abriss des Elbkurhauses sind die Spuren dieser besonderen jüdisch-maritimen Einrichtung in Blankenese kaum noch aufzufinden. Die Archivmaterialien in Bergen-Belsen, Bad Arolsen, Washington D.C./USA, Yad Vashem/Israel sowie im Kibbuz Lo‘Chamei Ha-Ghettaot/Israel sind das verstreute Erbe dieser einzigartigen, maritimen-jüdischen Geschichte.
Erhaltungszustand
nicht erhalten

vor 1950- wurde das Elbkurhaus abgerissen.

Zugehörige Organisationen
Zugehörige Personen
Glaser, Gitl (Teilnehmer:in)
Izbicki, Moniek (Teilnehmer:in)
Knobl (Teilnehmer:in)
Rajzman, Bronka (Teilnehmer:in)
Rajzman, Moshe (Teilnehmer:in)
Rubin (Teilnehmer:in)
Sandman, Abraham (Teilnehmer:in)
Literatur
Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holstein (Hrsg.): Unzer Sztyme. Jiddische Quellen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der britischen Zone 1945–1947. Kiel: Landeszentrale für Politische Bildung Schleswig-Holstein 2004.

Ina Lorenz: „Seefahrts-Hachshara in Hamburg (1935–1938). Lucy Borchardt. ‚Die einzige jüdische Reederin der Welt‘“, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte Bewahren und Berichten: Festschrift für Hans-Dieter Loose zum 60. Geburtstag (83) (1997). S. 445–472. online: <http://agora.sub.uni-hamburg.de/subhh/cntmng;jsessionid=DE20E3BE9302AFA9EF27621B7CA8E255.jvm1?type=pdf&did=c1:2531>.

Lennart Onken: „‘One step in the difficult task of rehabilitating those who have suffered under Hitlerism‘ – Die jüdische Fischereischule ‚Serubavel‘“.

Helmut Schwalbach: Fischerei am Anleger Dockenhuden. Der Kibbuz von Blankenese, in: Klönschnack. 2006. S. 18–20. online: <https://www.viermalleben.de/4xleben/Bilder/kloenschnack10_2006.pdf>.

Björn Siegel: Arnold Bernstein, Immigrant Entrepreneurship. German-American Business Biographies (1720 to the present). 17. Juni 2015. <https://www.immigrantentrepreneurship.org/entries/arnold-bernstein/>.

Verein zur Erforschung der Geschichte der Juden in Blankenese: Kirschen auf der Elbe – Erinnerungen an das jüdische Kinderheim Blankenese 1946–1949. Hamburg: Klaus Schümann Verlag 2010.
Kibbutz Zerubavel
© United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Ann Bicky_Photo archive no. 64251_Kibbutz Zerubavel
Anlegestelle des „Kibbutz Zerubavel“ bzw. der „Jewish Fishery School“ (gegründet von der Po’alei Zion Deutschland) in Blankenese/Hamburg, 1946 (1946)
© Ghetto Fighters' House Museum/ Photo Archive

Empfohlene Zitation

Björn Siegel, Kibbuz Zerubavel – Hamburg/Blankenese (Seefahrts-Hachschara), in: Hachschara als Erinnerungsort, 12.12.2022. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/7> [10.06.2023].

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Elbkurhaus, Blankenese/Hamburg
22587 Hamburg