- Art der Stätte
- Jugend-Alija-Vorbereitung, Mittleren-Hachschara (Mi-Ha), Reguläre Hachschara
- Gegründet
- 1927
- Schließung
- 06.1941
- Betriebsfläche
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75 Hektar300 Morgen, darunter u.a. 25 Morgen Gärtnerei, 120 Morgen Getreideanbau sowie ca. 130 Morgen Kartoffel- und Rübenanbau
- Ausbildungsfelder
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Bäckerei, Gartenbau, Hauswirtschaft, Landwirtschaft, TierwirtschaftGärtnerei (Obst, Gemüse, Spargel); Viehzucht (Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Pferde); Geflügelzucht (Hühner, Gänse, Enten, Puten, Tauben); Hauswirtschaft; Konservenproduktion; Milchverarbeitung; Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Rüben); Wiesen- und Weidewirtschaft; Bäckerei; Bienenzucht; Kaninchenzucht
- Beschreibung
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Simon Schocken, Gründer des Kaufhauses Schocken in Zwickau, das später zum „Schocken-Warenhaus-Konzern“ wurde, hatte das Gut im Jahr 1927 ursprünglich für seine Tochter Hanna gekauft. Als Gründungsmitglied und Förderer der „Jüdischen Landarbeit GmbH“, entschied er sich, das Gut zu einem zionistischen Lehrbetrieb umzugestalten. In einem gemischt landwirtschaftlich-gärtnerischen Betrieb sollten jüdische Landwirte ausgebildet und Jugendliche, die er finanziell unterstützte, in die Grundlagen der praktischen Arbeit eingeführt werden. Das landwirtschaftliche Gut umfasste eine Fläche von ungefähr 300 Morgen ein, inklusive einer 25 Morgen großen Gärtnerei. Neben den Stallungen und Scheunen stand auf dem Grundstück ein ansehnliches villenartiges Herrenhaus, in dessen drei Etagen verschiedene Wohn- und Gemeinschaftsräume eingerichtet waren. Es gelang Simon Schocken, den erfahrenen Agronomen Salomon Dyk aus Berlin für Gut Winkel als landwirtschaftlichen Berater zu gewinnen.
Aufgrund der großzügigen Förderung durch Simon Schocken wurde nach dem Weggang Salomon Dyks der diplomierte Landwirt Alexander Moch 1927 in Gut Winkel angestellt.
Nachdem Simon Schocken im Jahr 1929 tödlich verunglückte, übernahm sein Bruder Salman Schocken die Leitung von Gut Winkel. Unter Salman Schockens Leitung begannen umfangreiche Modernisierungsarbeiten für die intensive Bewirtschaftung des Gutes.
Schritt für Schritt wurde Gut Winkel so zu einem Lehrbetrieb umgerüstet. Der Betrieb sollte sich finanziell selbst tragen und nach Möglichkeit noch Gewinn erwirtschaften. Im Frühsommer 1930 konnten durch Alexander Moch die ersten zehn Auszubildenden zur damals noch nicht explizit zionistisch angelegten Lehrausbildung in Viehzucht, Spargel- und Obstanbau aufgenommen werden.
Schließlich bekam auch die Hauswirtschaft des Gutes unter Leitung von Alexander Mochs Ehefrau Erna die Anerkennung als Lehrbetrieb. Dadurch war es nun möglich, neben der Landwirtschaft und Gärtnerei auch Hauswirtschaft und Nahrungsmittellehre zu unterrichten. Als einer von wenigen Betrieben seiner Zeit bot Gut Winkel somit auch für jüdische Mädchen umfassende Ausbildungsmöglichkeiten. Nach dem Weggang von Alexander Moch, der im Auftrag der „Jüdischen Arbeitshilfe e.V.“ in die Verwaltung des Hachschara-Gutes Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde wechselte, übernahm im Januar 1933 der 31-jährige Martin Gerson die Leitung von Gut Winkel.
Auf speziellen Wunsch Salman Schockens wurde nach 1933 der Schwerpunkt der Ausbildungsarbeit verstärkt auf die Vorbereitung der Emigration/Alija gelegt, so dass immer mehr junge Menschen mit Auswanderungsabsichten in Winkel Aufnahme fanden.
Salman Schocken siedelte bereits 1934 nach Palästina über, betreute das Gut jedoch weiterhin sehr intensiv. Um dem Druck, der angesichts zunehmender „Arisierungsforderungen“ auch auf dem Lehrgut lastete, etwas entgegenzusetzen, entschloss sich die Schocken-Familie 1938 Gut Winkel der Reichsvertretung zur Verfügung zu stellen. Die Eigentumsverhältnisse blieben davon aber zunächst unberührt.
Die gesamte Verwaltung des großen Landwirtschaftsgutes oblag Martin Gerson zusammen mit seiner Frau Bertel, die die Wirtschaft leitete. In seinem Büro, in dem auch Auszubildende arbeiteten, wurden die Finanzen geregelt, die Berichte geschrieben und Arbeitsbesprechungen abgehalten.
Anhand der Listen der Chaluzim und Chaluzot aus den Jahren 1934 und 1935 wird erkennbar, dass seit dieser Zeit die meisten auf Gut Winkel befindlichen Auszubildenden bündisch organisiert waren. Von den 45 Hachschara Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Jahres 1935 gehörten je sechzehn zum Habonim und zu den Werkleuten, drei zum Makkabi Hazair.
Zu den Ausbildungsbereichen auf Gut Winkel gehörten Garten- und Ackerbau, Viehwirtschaft, industrielle Obst und Gemüseverarbeitung, Geflügelzucht, Milchverarbeitung, Hauswirtschaft sowie die Arbeit in Küche, Wäscherei, Bäckerei und im Büro. Der Ackerbau umfasste den Anbau von Getreide, Hackfrüchten und Futterpflanzen sowie Wiesen- und Weidewirtschaft.
In der ausgedehnten Viehwirtschaft erlernten die Jugendlichen Zucht und Haltung von Rindern, Pferden, Schweinen und Geflügel. Das Gelände des Geflügelhofes beherbergte mehrere hundert Tiere, einen Aufzuchtbereich für Jungtiere und Kaninchen sowie mehrere Ställe mit Ausläufen. Zeitweise wurden in Winkel auch Schafe, Ziegen, Tauben und sogar Bienen gezüchtet.
Zum Gemüsebau zählten sowohl die intensive Gemüsezucht als auch der Feldgemüseanbau mit den ausgedehnten Spargelfeldern, die den wichtigsten Wirtschaftszweig in Gut Winkel bildeten. Von Anfang Mai bis Ende Juni ging eine Gruppe Jugendlicher, die „Spargelkolonne“, am frühen Morgen den Spargel stechen.
Während der Obsternte wurden die Auszubildenden soweit sie abkömmlich waren, zum Pflücken der Früchte eingesetzt. In Arbeitskolonnen zogen sie auf die Plantagen, wo Erdbeeren, Johannisbeeren, Äpfel, Kirschen und anderes Obst geerntet wurde.
Nach dem Lehrbericht von 1936/37 wurden in diesem Zeitraum etwa 50 bis 100 junge Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren (58 % Jungen und 42 % Mädchen) ausgebildet. In jenem Jahr verzichtete die Gutsleitung erstmals auf die Beschäftigung von Hilfskräften aus der näheren Umgebung, weil alle anfallenden Arbeiten ausnahmslos von den in Winkel Ansässigen übernommen werden konnten. Für die Erziehungsarbeit stellte sich diese Tatsache als ein großer Vorteil heraus, denn so erlebten die Jugendlichen, dass alle Arbeiten wichtig waren und von ihnen selbst ausgeübt werden mussten.
Die Ausbildungsgänge für Mädchen und Jungen waren voneinander getrennt. Mädchen lernten hauptsächlich in den geschlechtsspezifisch typischen Bereichen: In der Milchverarbeitung die Herstellung von Milchprodukten, in der Hauswirtschaft sämtliche Putzarbeiten, in der Wäscherei die Wäschepflege und in der Küche alle Arbeitsgänge der Essenszubereitung. Auf dem Gut wurden zwei Küchen betrieben: Eine kleine für etwa zwanzig Leute im Geflügelhof und eine große im Haupthaus, die „Massenküche“, die von Bertel Gerson als Lehrküche mit Kalorienberechnung und Speiseplänen betrieben wurde. Um nicht den gesamten Haushalt koscher führen zu müssen, wurde für die Jugendlichen des Makkabi Hazair, die Wert auf koscheres Essen legten, in der kleinen Küche vegetarisch gekocht. Darüber hinaus wurden Mädchen in der Geflügelzucht eingesetzt und konnten auch eine Ausbildung in Gartenbau, in der Landwirtschaft sowie in der industriellen Obst- und Gemüseverarbeitung in dem im Frühjahr 1936 eingerichteten Konservenbetrieb (KB) erhalten. Verkauft wurde das Gros der Produkte in den Schocken-Kaufhäusern, aber auch auf dem Wochenmarkt in Storkow.
Die Jungen lernten hingegen Ackerbau, Viehzucht, Landwirtschaft und im Zusammenhang damit den Umgang mit landwirtschaftlichen Geräten sowie Obst- und Gemüseanbau. Sie konnten allerdings auch zur Geflügelzucht, zum Dienst in der Imkerei oder zum Backdienst im Keller des Gutshauses herangezogen werden, wo ein neuer Backofen aufgestellt und eine kleine Bäckerei eingerichtet worden war. Sowohl Mädchen als auch Jungen wurden zudem im Büro Martin Gersons in allgemeine Verwaltungstätigkeiten eingearbeitet. Sie verfassten die Protokolle über die Zusammenkünfte und schrieben die Monatsberichte, die an Salman Schocken geschickt wurden, der sich stets detailliert über die Entwicklungen auf dem Landgut unterrichten ließ.
Der Tagesplan war straff organisiert, gearbeitet wurde jeden Tag und bei jedem Wetter. Alle vierzehn Tage gab es einen freien Sonntag. Die tägliche Arbeitszeit betrug zwischen sechs und acht Stunden.
Gelegentlich organisierte Martin Gerson für die Jugendlichen auch Exkursionen, um ihnen einen Einblick in andere Betriebe zu ermöglichen, oder er fuhr mit ihnen zu landwirtschaftlichen Ausstellungen, wie zum Beispiel zur Feldausstellung 1937 in Dresden.
Nach 2 Jahren Hachschara erhielten die Absolventinnen und Absolventen ein Zeugnis. Da Martin Gerson ein breites Grundlagenwissen für alle seine Auszubildenden für unverzichtbar hielt, lehnte er eine zu frühe Spezialisierung auf nur einen Betriebszweig ab. Zugleich legte er großen Wert darauf, dass die Ausbildung sämtliche Tätigkeitsbereiche einschloss. So durchliefen die Jugendlichen in ihren zwei Ausbildungsjahren auf dem Gut meist alle wesentlichen Wirtschaftszweige. Ein normaler Arbeitsturnus betrug drei Monate, danach wurden die Arbeitsgebiete gewechselt.
Zu Martin Gersons Konzept einer erfolgreichen Ausbildung gehörte auch die Vermittlung theoretischer Grundkenntnisse, sodass die Jugendlichen an vier Abenden noch Unterricht erhielten. Neben den regulären Ausbildungsfächern wurden auch Palästinakunde, Hebräisch und jüdische Geschichte gelehrt. Für den landwirtschaftlichen Fachunterricht kam 1933 extra noch eine Beamtin aus Oranienburg. Die im Durchschnitt erst vierzehn- oder fünfzehnjährigen Jugendlichen der Mittleren-Hachschara (Mi-Ha) wurden darüber hinaus auch in allgemeinbildenden Fächern unterrichtet.
Mit den zunehmenden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für jüdische Jugendliche aus Berlin etablierte sich Gut Winkel für die jüdische Jugend zu einem gern besuchten Ziel. Sowohl die unmittelbare Nähe zu Berlin als auch die schöne Lage mitten im Wald boten hierfür ideale Bedingungen. In den Schulferien organisierten die Berliner Jugendbünde Fahrten nach Gut Winkel und Kurse, damit die Großstadtkinder die Ausbildungsbereiche der Hachschara kennen lernten.
Nachdem Salman Schocken sich schon lange bemüht hatte, von den Behörden die Genehmigung für die Errichtung einer Jugendherberge zu erhalten, konnte diese im Herbst 1934 gebaut werden. Unmittelbar nach Fertigstellung des Gebäudes zog die erste Gruppe der Mittleren-Hachschara in einen der Gemeinschaftsräume ein. Darüber hinaus versuchte Salman Schocken nach Hitlers Machtübernahme, die Unterbringungsmöglichkeiten in Winkel zu erweitern, um mehr Jugendlichen eine Aufnahme zu ermöglichen.
Unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Martin Gerson von der „Reichsstelle für das Auswanderungswesen“ die gesamte Verantwortung für die landwirtschaftliche Ausbildung der Juden in Deutschland und die Arbeit in den Hachschara-Stätten übertragen. Gut Winkel war von den Aktionen in der Pogromnacht als wohl einzige Hachschara-Stätte verschont geblieben. Trotzdem erkannte Martin Gerson, dass mit dem Novemberpogrom 1938 seine eigentliche Arbeit praktisch beendet war. Das Hauptziel der Jüdinnen und Juden in Deutschland war nun einzig die Flucht. Wer immer die Chance dazu bekam, verließ das Land – dies galt sowohl für die Leitungskräfte der Hachschara-Einrichtungen als auch für die Chaluzim und Chaluzot. Martin Gerson sah sich und seine bisherige Arbeit in eine aussichtslose und widerspruchsvolle Lage gebracht.
Häufiger schon hatte Martin Gerson Angebote bekommen, das Gut Winkel zu verlassen und zu emigrieren. Er sah sich jedoch verpflichtet, auf seinem Platz zu bleiben und die Jugendlichen, die sich auf ihr neues Leben und die Arbeit in Palästina vorbereiteten, weiterhin zu schulen. Vergeblich versuchte er, eine Verlegung der Hachschara-Stätten ins Ausland zu erreichen.
Im Juni 1941 wurde das Gut Winkel durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt. Zu jener Zeit lebten dort etwa 120 Bewohnerinnen und Bewohner, die ebenso wie die Familie Gerson (Martin, Bertel und ihre beiden Töchter Miriam und Ruth) das Gut binnen 24 Stunden verlassen mussten und auf das benachbarte Gut Neuendorf im Sande bei Fürstenwalde gebracht wurden. Nach der Verlegung übernahm Martin Gerson die Leitung von Gut Neuendorf. Im Juni 1943 wurde er mit seiner Familie zunächst nach Theresienstadt verbracht. Im Herbst 1944 wurde Martin Gerson nach Auschwitz deportiert und ermordet. Seine Ehefrau Bertel und die beiden Töchter Miriam und Ruth wurden im Oktober 1944 ebenfalls in Auschwitz ermordet.
Nach Auflösung von Gut Winkel als Hachschara-Einrichtung ist für die Zeit bis 1945 eine weitere Nutzung des Anwesens nicht belegt. Schreiben des Finanzamtes Beeskow vom Frühjahr 1943 zeigen unter anderem auf, dass Jüdinnen und Juden aus Winkel in die Vernichtungslager deportiert wurden. Ob es sich bei diesen Personen um ehemalige Hachschara-Auzubildende handelte oder ob das Gut als Sammellager für die Region fungierte, konnte nicht festgestellt werden. Zu DDR-Zeiten erfolgte eine landwirtschaftliche Nutzung des Geländes als volkseigenes Gut, unter anderem als Brutanlage für Legehennen. Im Jahr 1997 wurde die 6,4 Hektar große Fläche verkauft und wird seitdem als Gewerbegebiet genutzt. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an dem von verschiedenen Mietparteien bewohnten Gutshaus an das ehemalige Hachschara-Lehrgut Winkel. - Zugehörige Organisationen
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Habonim Noar Chaluzi (Deutschland) (Assoziierte)Hechaluz. Deutscher Landesverband (Assoziierte)Jüdischer Pfadfinderbund Makkabi Hazair (Assoziierte)Werkleute (Assoziierte)Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (Träger:in)
- Zugehörige Personen
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Schocken, Simon (Gründer:in)Schocken, Salman (Gründer:in)Dyk, Salomon (Leitung)Moch, Alexander (Leitung)Gerson, Bertel Beila Berthel (Leitung)Gerson, Martin (Leitung)Schmoller, Erich (Leitung)Strauss, Paula (Leitung)
- Quellen und Hinweise
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Ilana Michaeli; Irmgard Klönne (Hrsg.): Gut Winkel - die schützende Insel. Hachschara 1933 - 1941, Deutsch-israelische Bibliothek; Bd. 3. Berlin,Münster: LIT Verlag 2007.
Empfohlene Zitation
Katharina Hoba, Gut Winkel, in: Hachschara als Erinnerungsort. <https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/3> [17.10.2026].
Adresse
Am Winkel15528 Spreenhagen